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Das Ende des chinesischen Bitcoin-Minings


Wenn in China eine Bitcoin-Mine fällt, zittert Bitcoin; wenn gar die Minen einer ganzen Provinz dichtmachen, bricht die Hashrate des Netzwerks ein. Am Wochenende hat China dem inländischen Mining den Todesstoß versetzt – doch die spieltheoretische Mechanik des Netzwerks hält auch diesem Angriff stand.

Am Samstag geschah das, was weithin erwartet und gefürchtet wurde: Auch in Sichuan ordneten die Behörden an, dass alle Bitcoin-Minen schließen müssen. Dank der üppig-überflüssigen Hydroenergie gilt die zentralchinesische Provinz als der wichtigste Mining-Standort der Welt – und das eilige Herunterfahren des Mining-Industrie als der vielleicht gravierendste Einschnitt der Geschichte Bitcoins.

Es sei ein „historischer Moment“, so die Chinesin Molly auf Twitter, wenn um 12 Uhr am 19. Juni alle Bitcoin-Minen in Sichuan dicht machen.

We gonna witness a history in bitcoin mining tonight, all mining farms (about 8m kw electricity load) will shutdown at 12pm Beijing time tonight, Harare rate already dropped significantly after sichuan gov announce shut down bitcoins mining farms in Sichuan. pic.twitter.com/xRfqMCgWY1 — Molly (@bigmagicdao) June 19, 2021

Die Regierung der Provinz kündigte an, 26 Mining-Farmen zu schließen. In chinesischen Chat-Gruppen kursierten Videos von Minern, die hektisch ihre Miner abbauten.

Some mining farms already starting shutdown their facilities. pic.twitter.com/07WpvosOqc — Molly (@bigmagicdao) June 19, 2021

Dementsprechend brach die Hashrate von Bitcoin, also die gesamte Rechenpower aller Miner, schon vor dem finalen Shutdown deutlich ein. Danach verlor das Netzwerk weitere 15 Prozent Hashrate. Damit ist diese auf ein 180-Tage-Tief gefallen.

Hashrate des Bitcoin-Netzwerks im 1-Jahres-Chart nach blockchain.com .

Sichuan vollendet allerdings lediglich den Exodus der Miner aus China, der schon Anfang Juni begann. Seitdem hat die Hashrate von Bitcoin rund ein Sechstel verloren, vom Höhepunkt Mitte Mai sogar ein Drittel.

Die Folgen des jüngsten Einbruchs waren für Bitcoin-User deutlich spürbar: Anstatt 144 Blöcke sahen die letzten 24 Stunden nur 107; die Zeit zwischen zwei Blöcken betrug im Durchschnitt 13,5 Minuten anstatt 10. Mit 167.000 Transaktionen verarbeiteten die Miner so wenig Transaktionen wie zuletzt Mitte 2018. Bitcoin fror ein Stück ein.

Anzahl der Transaktionen, 3-Jahres-Chart, ebenfalls von Blockchain.com.

Dass Sichuan damit dem Mining in China den Todesstoß versetzte, war zu erwarten gewesen, nachdem ein Rat unter Vizeministerpräsident Liu He ein Mining-Verbot beschlossen und die Provinzen Innere Mongolei, Xinjian und Quinghai dieses durchgesetzt hatten. Doch noch konnte man hoffen, dass China vor allem gegen die „schmutzigen“ Miner vorging, also jene, die Kohlekraft verbrannten, und die leben ließ, die saubere, also Hydroenergie benutzten, wie die in Sichuan.

Mit dem Ende des Minings in Sichuan wird nun klar, dass das Mining-Verbot von China keine ökologischen Gründe hat, wie teilweise vorgeschützt wurde, sondern politische. Langjährige Leser unseres Blogs kennen diese. Schon seit Anfang 2014 ist klar, dass die Regierung Chinas Bitcoin nicht liebt oder akzeptiert, sondern bestenfalls duldet. Leben darf Bitcoin in China nur, wenn er klein bleibt , wie Zhang Weiwu erkärte.

Unser damaliger chinesischer Gastautor beschrieb, wie die chinesische Regierung „Harmonie“ in der Wirtschaft erzeugt: Will dsie ein Unternehmen nicht haben, macht sie ihm das Wirtschaften so schwer, dass es von selbst aufgibt. Besser sei jedoch, wenn das Unternehmen so klein bleibe, dass es harmlos sei. Dann müsse man es nicht in den Bankrott treiben. Je geringer die Maßnahmen, die notwendig sind, um Harmonie zu erhalten, desto besser. Daher prophezeite Weiwu: „Wenn Bitcoin wieder groß und stark in China wird, wird eine neue Politik kommen und es unterdrücken. Wenn der Bitcoin klein bleibt, wird er leben dürfen.“

Die Regierung Chinas demonstrierte wieder und wieder, wie richtig Weiwu lag, wenn sie jeder Demonstration von Stärke durch Bitcoin ihre eigene Demonstration von Macht entgegensetzte. Je größer Bitcoin wurde, desto schärfer ging die Regierung Chinas dagegen vor. Nun scheint Bitcoin ein Level erreicht zu haben, ab dem die Kryptowährung für China gar nicht mehr zu dulden ist. Auch wenn dies bedeutet, Einnahmen aus dem Mining und dem Verkauf von Mining-Geräten zu verlieren, und auch wenn dies bedeutet, die Miner von den klimaneutralen Standorten nahe der Staudämme Sichuans an CO2-schwere Orte wie Kasachstan oder Russland zu treiben. Es geht eben nicht um Ökologie, sondern um Politik. Bitcoin ist nicht länger ein unartiges Kind – „sondern ein falsch geborenes“ . Wäre es nicht so gekommen, hätte Bitcoin vermutlich versagt.

Man könnte den Shutdown von einer so großen Menge der Hashrate als Angriff auf Bitcoin verstehen. Letzten Endes sind die großen Mining-Farmen die einzigen realistischen Ziele, wenn man das Bitcoin-Netzwerk angreifen will, und das Vorgehen der Regierung Chinas kommt diesem Angriff näher als alles andere zuvor.

Der Schaden hält sich jedoch in Grenzen. Ja, Bitcoin wurde für einen Tag weniger effizient, und wird es vermutlich auch noch bis zur nächsten Anpassung der Schwierigkeit des Minings, voraussichtlich Anfang Juli, bleiben. Aber Bitcoin funktioniert weiterhin uneingeschränkt; Transaktionen werden bestätigt, manchmal sind sie etwas teurer und etwas langsamer.

Und ja, die Miner suchen teils panisch nach neuen Standorten. Aber viele Mining-Unternehmen haben vorausgesehen, dass China ihnen keine dauerhafte Heimat sein wird. So habe Bitdeer, die Firma von Jihan Wu, dem ehemaligen CEO von Bitmain, keine einzige Mine in China eröffnet, sondern von Anfang an auf die Vereinigten Staaten, Nordeuropa und Südasien gesetzt, erklärt China-Blockchain-Experte Collin Wu , und der Mining-Pool ViaBTC, der seine Farmen schon seit zwei Jahren internationalisiert, sei vorübergehend zum größten Mining-Pool der Welt geworden. Hingegen bluteten vor allem Pools wie AntPool, F2Pool, Binance und BTC.com, die weiterhin überwiegend in China schürften.

Auch hier greift die spieltheoretische Mechanik von Bitcoin: Wenn China den Minern nicht länger Heimat sein will, bieten sich eben andere Standorte an: Texas in den USA, das mit üppig Strom aus Wind-, Solar- und Atomkraft aufwartet; Kasachstan, wo weiterhin viel Strom aus Kohle gewonnen wird; Russland und Florida; Paraguy, wo die Regierung Kryptowährungen offiziell legalisieren und die reichen Quellen an Hydroenergie fürs Mining nutzen will, oder El Salvador, das neue Bitcoin-Paradies, wo der Präsident persönlich Mining-Anlagen mit vulkanischer Hydroenergie plant.

Die 30-50 Prozent der Miner, die derzeit eine neue Heimat suchen, werden diese finden. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie auf Wanderschaft gehen. Denn Miner sind wie Heuschrecken: Sobald sie eine Energiequelle gefunden haben, saugen sie an dieser, bis für niemand anderen mehr etwas bleibt. Über kurz oder lang bedrohen Miner die Stabilität der Stromnetze und die Stromversorgung, auch in hochentwickelten Regionen. Doch immer dann, wenn sie von wo verscheucht werden, finden sie eine neue Heimat, die sie als Abnehmer für überschüssigen Strom mit offenen Armen begrüßt.

Auch das gehört zur spieltheoretischen Mechanik von Bitcoin.





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